Seit Monaten läuft dieselbe Debatte durch Fachmedien und Hochschulen: Was müssen Designerinnen und Designer künftig besser können als KI? Eine ehrenwerte Frage, nur ist sie an die Falschen gerichtet. Was Gestalter lernen müssen, ist ein Problem der Branche. Interessant für alle anderen ist, was sie künftig eigentlich einkaufen, wenn sie Gestaltung einkaufen. Diese Antwort hat sich in achtzehn Monaten vollständig verschoben — und steht auf keinem einzigen Angebot.
zwölf entwürfe, elf davon überflüssig
Briefing um neun. Um zwanzig nach neun liegen zwölf Varianten auf dem Tisch. Jede davon sauber gesetzt, jede davon vorzeigbar, keine davon peinlich. Vor zwei Jahren waren das drei Tage Arbeit und eine Rechnung.
Die Zahlen dazu sind unspektakulär eindeutig. Shakked Noy und Whitney Zhang haben 2023 in Science veröffentlicht, was passiert, wenn man professionelle Schreibaufgaben mit generativer KI bearbeiten lässt: Die benötigte Zeit sank um 40 Prozent, die bewertete Qualität stieg um 18 Prozent. Für visuelle Produktion gilt dasselbe Prinzip, nur mit weniger Studien und mehr Screenshots.
Was in diesen zwölf Varianten nicht mitgeliefert wird: die Information, welche davon Ihr Geschäft weiterbringt und welche elf es verwässern. Die Maschine hat dazu keine Meinung. Sie hat zu nichts eine Meinung, das ist ihr Geschäftsmodell.
die arbeit war nie das herstellen
An dieser Stelle klingt jede Agentur wie jemand, dem gerade das Werkzeug abhandenkommt und der deshalb erklärt, das Werkzeug sei nie wichtig gewesen. Verständlicher Verdacht. Er stimmt trotzdem nicht.
Die Herstellung war immer der sichtbare Teil, nie der teure. Teuer war das Streichen. Die Entscheidung, dass die dritte Botschaft die zweite kaputtmacht. Dass das Blau in dieser Branche bereits vier Wettbewerbern gehört. Dass der Claim nicht im Pitch-Deck funktionieren muss, sondern an einem Transporter, der bei Regen durch die Innenstadt fährt.
Diese Arbeit war schon immer unsichtbar, weil sie keine Dateien produziert. Sie wurde jahrzehntelang in Stunden abgerechnet, die nach etwas anderem aussahen. Jetzt, wo das Herstellen nichts mehr kostet, bleibt sie als Einziges übrig — und steht plötzlich nackt auf der Rechnung.
Die Maschine liefert zwölf Vorschläge. Keiner davon sagt Ihnen, welche elf Sie Marktanteil kosten.
jetzt die zahl, bei der es im raum still wird
Erik Brynjolfsson und Kollegen vom Stanford Digital Economy Lab haben Gehaltsdaten von Millionen amerikanischen Beschäftigten ausgewertet. Ergebnis: In den am stärksten KI-exponierten Berufen ging die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen relativ um rund 13 Prozent zurück — während sie bei älteren Kollegen in denselben Berufen stabil blieb oder wuchs. Die Rückgänge konzentrierten sich dort, wo KI Arbeit ersetzt, nicht dort, wo sie sie unterstützt.
Das Weltwirtschaftsforum erwartet im Future of Jobs Report 2025, dass sich 39 Prozent der heutigen Kernkompetenzen bis 2030 verändern. Analytisches Denken bleibt die meistgenannte Schlüsselkompetenz, kreatives Denken nennen 57 Prozent der befragten Unternehmen.
Die unbequeme Pointe steckt in der Kombination. Genau die Aufgaben, die gerade verschwinden, waren die, an denen man Urteil gelernt hat. Niemand entwickelt Geschmack durch Theorie. Man entwickelt ihn, indem man zweihundert mittelmäßige Entwürfe baut und irgendwann versteht, warum sie mittelmäßig waren. Wenn diese zweihundert Entwürfe künftig in vier Sekunden entstehen, entsteht das Urteil nicht mit.
erfahrung lässt sich nicht nachts herunterladen
Urteil klingt nach einem weichen Wort für etwas, das man nicht belegen kann. Es ist das Gegenteil. Es lässt sich ziemlich präzise beschreiben.
Ipsos und JKR haben mit über 26.000 Befragten geprüft, wie viele Markenelemente tatsächlich unverwechselbar sind. 15 Prozent erreichten die höchste Stufe. Bei Farbe allein waren es vier Prozent. Vier. Wer das weiß, wählt anders aus. Wer es nicht weiß, nimmt das Blau, das am besten aussieht — und landet neben vier Wettbewerbern.
Gitte Lindgaard und ihr Team haben schon 2006 gemessen, dass Menschen das Urteil über eine Website nach rund 50 Millisekunden fällen, lange bevor sie ein Wort gelesen haben. Wer das weiß, diskutiert nicht über den vierten Absatz, bevor das erste Bild sitzt.
Nichts davon ist Geheimwissen. Es ist nur der Unterschied zwischen jemandem, der etwas herstellt, und jemandem, der weiß, was er tut.
unsere kunden bringen jetzt entwürfe mit. endlich.
Der häufigste Satz in unseren Erstgesprächen hat sich geändert. Früher hieß es: „Wir bräuchten mal was Neues.“ Heute heißt es: „Wir haben hier schon was — machen Sie es bitte so, dass man nicht sieht, dass es aus einem Chatfenster kommt.“
Das ist kein Anlass zur Empörung, das ist ein Fortschritt. Wer mit einer Richtung kommt, hat vorher nachgedacht. Über eine Richtung kann man streiten, sie verwerfen, sie schärfen. Über ein leeres Blatt kann man nur Workshops abhalten, und davon hat diese Branche nun wirklich genug verkauft.
Der Auftrag dahinter ist allerdings größer, als er klingt. „Es soll nicht nach KI aussehen“ heißt übersetzt: Es soll nicht aussehen wie bei allen anderen. Das ist keine Stilfrage. Das ist Positionierung, und sie ist der Grund, warum jemand überhaupt bei uns anruft.
wir arbeiten auch damit. man sieht es nur nicht.
Jetzt der Absatz, den Agenturen ungern schreiben: Wir benutzen dieselben Werkzeuge. Täglich. Entwürfe, Varianten, Textfassungen, Recherche.
Bei der Recherche ist der Gewinn sogar am größten, und das sagt kaum jemand. Quellen prüfen, Studien gegeneinander halten, Zahlen bis zur Primärquelle zurückverfolgen, Wettbewerbsumfelder analysieren — das war früher ein Budgetposten, der meistens zuerst gestrichen wurde. Heute steht in jedem unserer Beiträge eine Quellenliste, und zwar nicht aus Eitelkeit, sondern weil es inzwischen bezahlbar ist, sie zu erarbeiten.
Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug. Er liegt darin, dass wir wissen, was wir damit tun, und vor allem, was wir damit wegwerfen. Ausbildung, zwanzig Jahre Projekte, eine respektable Sammlung eigener Fehlentscheidungen. Das ist unsexy und lässt sich nicht abonnieren.
Dass wir dadurch schneller und in Teilen günstiger geworden sind, geben wir weiter. Nicht aus Großzügigkeit. Sondern weil die Alternative ist, dass unsere Kunden es selbst machen — und zwar genau so, wie die Plakate aussehen, über die unsere Branche auf LinkedIn lästert.
der einzelne gewinnt, das feld verarmt
Es gibt einen Effekt, den man nur sieht, wenn man nicht auf das einzelne Ergebnis schaut. Anil Doshi und Oliver Hauser haben ihn 2024 in Science Advances gemessen: Menschen werden mit KI-Unterstützung einzeln kreativer, ihre Ergebnisse ähneln sich untereinander jedoch deutlich stärker. Ahrefs untersuchte 2025 rund 900.000 neue Webseiten und fand in 74,2 Prozent davon KI-generierte Inhalte.
Jeder Einzelne wird also besser, und gleichzeitig wird alles gleicher. Für Sie ist das keine ästhetische Frage. Es ist die Frage, ob ein Kunde Sie nach drei Sekunden von Ihrem Wettbewerber unterscheiden kann — in einem Umfeld, in dem alle dieselben Werkzeuge mit denselben Voreinstellungen bedienen.
Die gute Nachricht daran: Noch nie war es so billig, auszusehen wie alle. Und noch nie war es so wertvoll, es nicht zu tun.
Sie kaufen künftig keine Entwürfe mehr. Sie kaufen das Nein zu den anderen elf.
was künftig wirklich auf der rechnung steht
Damit zurück zur eigentlichen Frage, die eben keine Ausbildungsfrage ist, sondern eine Einkaufsfrage.
Früher kauften Sie Produktion: Stunden, Reinzeichnung, Varianten, Druckdaten. Das war ein ehrliches Geschäft, solange Produktion knapp war. Sie ist es nicht mehr. Eine Agentur, die Ihnen 2026 Varianten verkauft, verkauft Ihnen etwas, das Sie selbst in zwanzig Minuten haben — nur teurer und mit mehr Terminen.
Was knapp geblieben ist: jemand, der Ihnen sagt, welche Variante Sie nehmen, welche elf Sie vergessen sollen und warum. Jemand, der widerspricht, wenn die Lieblingsidee des Geschäftsführers die Marke verwässert. Jemand, der für diese Entscheidung geradesteht, wenn sie sich nach sechs Monaten als falsch herausstellt.
Eine Maschine kann vieles. Haften kann sie nicht.
drei fragen für ihr nächstes agenturgespräch
Was würden Sie an unserem Vorhaben streichen? Wer nur ergänzt, denkt in Produktion und rechnet in Stunden. Wer streicht, hat eine Haltung — und riskiert damit etwas.
Was hält diese Entscheidung aus, wenn der Wettbewerb sie morgen kopiert? Alles, was sich in zwanzig Minuten nachbauen lässt, wird nachgebaut. Die Antwort auf diese Frage trennt Gestaltung von Dekoration.
Woran merken wir in sechs Monaten, dass es funktioniert hat? Wer darauf nur mit Gefühl antwortet, hat vorher nicht entschieden, sondern gestaltet.
Die Frage, was Gestalter künftig besser können müssen als eine Maschine, hat eine ziemlich kurze Antwort: nein sagen und begründen können, warum. Das war allerdings schon vorher der Job. Es fällt nur zum ersten Mal auf, weil der ganze Rest nichts mehr kostet.
