Es war einmal eine Zeit, da kamen Kund:innen in die Agentur und sagten Sätze wie: „Wir hätten gerne eine Marke.“ Charmant, ein bisschen vage, aber immerhin – ein Anfang. Dann kam Mobile first. Dann Performance first. Dann SEO first. Content first, Nutzer first, Conversion first, Data first, Story first, Brand first, Purpose first – und jetzt, Tusch, die neueste Volte: KI first.
Ach.
was „ki first“ angeblich heißt
Aus dem Briefing-Deutsch übersetzt klingt KI first ungefähr so: Wir haben gehört, dass das alles jetzt mit KI geht. Schneller. Günstiger. In der Hälfte der Zeit. Wieso zahlen wir eigentlich noch Stundensatz, wenn ChatGPT das doch in 30 Sekunden macht? Bitte einmal Logo, Claim, Kampagne, Website, Social-Konzept und Markenstrategie – bis Freitag. Und kreativ soll’s auch sein. Aber KI first, gell?
ja, wir nutzen ki. natürlich nutzen wir ki.
Wir wären keine Agentur, sondern ein gemütlich vor sich hin moosendes Museum, wenn wir nicht mit den verfügbaren Werkzeugen arbeiten würden. KI ist großartig für Recherche, für Variantenbildung, für Boilerplate, für Strukturen, für mühsame Routinen, bei denen früher der ganze Nachmittag draufging und heute zehn Minuten reichen. Wirklich. Wir lieben das.
Nur: KI ist ein Werkzeug. Kein Konzept. Keine Haltung. Keine Marke. Ein Hammer macht aus niemandem einen Architekten. Eine Kamera aus niemandem einen Fotografen. Und ein Prompt aus niemandem eine Art Direktorin.
was ki first in der praxis produziert
Wenn man einer KI sagt „Mach mir eine Markenkampagne für ein mittelständisches B2B-Unternehmen in München“, bekommt man… exakt das, was alle anderen auch bekommen, die der KI das Gleiche gesagt haben. Ein Visual, das aussieht, als hätte man es schon dreihündertmal gesehen. Einen Claim, in dem „Zukunft“, „Lösung“, „gemeinsam“ und „innovativ“ in 47 Reihenfolgen vorkommen. Floskeln, die für einen Bestatter, eine Bäckerei oder einen Maschinenbauer gleichermaßen passen würden.
Das ist nicht die Schuld der KI. Die macht ihren Job. Sie ist statistisch – und Statistik liefert per Definition den Durchschnitt. Das Mittlere. Das, was am häufigsten in den Trainingsdaten vorkam. Wer KI first sagt, sagt eigentlich Mittelmaß first.
aber es soll doch alles schneller gehen!
Verstanden. Budgets sind enger, Zeitpläne sind enger. Aber was ihr bezahlt, ist nicht „Klick, Output“. Das ist: Jemand mit 18 Jahren Erfahrung schaut sich eure Marke an, eure Zielgruppe, eure Wettbewerber, eure Tonalität – und trifft Entscheidungen, die ein Sprachmodell nicht treffen kann, weil ein Sprachmodell eure Marke nicht versteht. Es kennt sie nicht. Es liebt sie nicht. Es hat keine Meinung dazu, ob dieses Blau hier zu eurer Haltung passt. Uns nicht.
die unbequeme wahrheit
Ihr könnt euch entscheiden. Ihr könnt KI first machen. Es gibt Tools, Plattformen, Anbieter, die euch das verkaufen, für einen Bruchteil des Preises. Ihr bekommt etwas, das in zwei Tagen fertig ist, einigermaßen aussieht und niemanden beleidigt. Es wird halt auch niemanden bewegen. Niemanden überraschen. Niemanden überzeugen. Eure Marke wird aussehen wie 400 andere Marken, die gerade dasselbe Tool benutzen wie ihr.
Oder ihr entscheidet euch dafür, dass eure Marke etwas wert ist. Eine eigene Stimme hat. Eine eigene Bildwelt. Eine eigene Haltung. Und dass es Menschen braucht, die das verstehen, kuratieren, weiterdenken – und ja, dabei auch KI einsetzen, da wo’s Sinn ergibt. Aber KI als Werkzeug, nicht KI als Strategie.
was wir vorschlagen
Wie wäre es mit einem neuen „first“? Marke first. Idee first. Handwerk first. Haltung first. Und dann, irgendwo dahinter, auf Platz vier oder fünf: KI. Als das, was sie ist. Ein wirklich nützliches Werkzeug in einem Werkzeugkasten voller anderer nützlicher Werkzeuge. Bedient von Menschen, die wissen, was sie tun.
Wir freuen uns schon auf das nächste „first“. Wetten werden angenommen. Telepathie first wäre echt mal was Neues.