Eine ehrliche Checkliste für Marken, die wissen wollen, was sie tun — bevor sie das Logo anfassen.

Es gibt einen Satz, den wir in Erstgesprächen häufiger hören, als uns lieb ist: „Unser Logo ist irgendwie nicht mehr zeitgemäß.“ Klingt harmlos. Ist es nicht. Denn dahinter steckt fast immer eine Verwechslung zwischen „uns ist langweilig“ und „der Markt versteht uns nicht mehr“ — und das sind zwei völlig verschiedene Probleme. Das erste löst ein gut geschlafenes Wochenende. Das zweite ein Rebranding. Wer beides verwechselt, gibt viel Geld aus, um am Ende dort zu stehen, wo er vorher war. Nur teurer.

Wir machen Markenarbeit seit 2003. Und wir haben gelernt, dass die gefährlichste Phase eines Rebrandings nicht das Design ist, sondern der Moment davor — die Begründung. Deshalb ist dieser Text keine weitere Sieben-Schritte-zum-frischen-Look-Liste. Davon gibt es genug. Das hier ist die Checkliste, die wir intern benutzen. Mit den Stolperfallen. Und mit Belegen, dass die Stolperfallen real sind.

Ein Rebranding ist keine Geschmacksfrage. Es ist eine Geschäftsentscheidung, die zufällig schön aussehen darf.

die 50-millionen-dollar-warnung vorweg

Bevor wir über das Wie reden, ein Wort zum Ob. 2009 entschied PepsiCo, der Orangensaftmarke Tropicana ein moderneres Gesicht zu geben. Weg mit der ikonischen Orange-mit-Strohhalm, hin zu einem klaren, minimalistischen Glas. Sauber gestaltet, zeitgemäß, alles richtig gemacht — auf dem Reißbrett. In den ersten zwei Monaten nach dem Launch fiel der Umsatz der Pure-Premium-Linie um rund 20 Prozent, ein Verlust von etwa 30 Millionen Dollar; nach keinen acht Wochen kehrte PepsiCo zur alten Verpackung zurück.

Der Grund war nicht schlechtes Design. Der Grund war, dass Kunden ihr Produkt im Regal nicht mehr wiedererkannten. Die Orange mit dem Strohhalm war kein Dekor — sie war das Navigationssystem. Man hatte das eine Element entfernt, an dem die Leute die Marke in einer halben Sekunde fanden.

Die eigentliche Pointe kommt aber 2024. Tropicana wechselte erneut die Verpackung — von der vertrauten Karaffe zu einer kleineren Flasche. Und wieder: laut Marktdaten von Circana brach der Umsatz im Jahresvergleich ein, im Oktober um 19 Prozent, dazu ein Verlust von rund vier Prozentpunkten Marktanteil an Simply Orange. Dieselbe Marke. Derselbe Fehler. Fünfzehn Jahre später. Manche Lektionen werden nicht weitergegeben, sie werden nur teurer.

Wir erzählen das nicht, um Angst zu machen. Sondern weil es die wichtigste Frage jeder Markenarbeit beantwortet, bevor sie gestellt wird: Was an unserer Marke ist Ballast — und was ist das Navigationssystem unserer Kunden? Wer das verwechselt, baut nicht um. Er baut ab.

warum die mehrheit scheitert (und es nie zugibt)

Die Zahlen sind unbequem. Branchenanalysen verorten die Misserfolgsquote von Rebrandings bei etwa 40 Prozent, ein weiteres Fünftel verliert nach schlecht umgesetzten Relaunches messbar Kundschaft. Man kann über die exakte Prozentzahl streiten — über die Richtung nicht.

Interessant ist das Warum. Quer durch die Quellen taucht immer dieselbe Diagnose auf: Unternehmen gestalten um, bevor sie sich neu positionieren. Sie ändern das Aussehen, ohne die Haltung geklärt zu haben. Das Logo wird frischer, die Farben moderner, die Typo schlanker — und darunter ist alles beim Alten. Das Ergebnis sieht poliert aus und sagt nichts.

Ein Branchenreport aus 2024 bringt es auf den Punkt: über 60 Prozent der Rebrandings verfehlen ihre erklärten Ziele, weil die kreative Vision und die Geschäftsstrategie auseinanderlaufen. Ein Rebrand scheitert selten mit einem Knall. Er geht live, kommt aber nie wirklich an. Die neue Marke landet an manchen Stellen, an anderen gar nicht, und irgendwann fühlt sie sich „optional“ an.

Rebrands scheitern fast nie am Design. Sie scheitern an dem, worüber niemand gesprochen hat, bevor das Design begann.

das eisberg-problem: 20 prozent sieht man, 80 prozent entscheiden

Hier liegt der teuerste Denkfehler. Die meisten Unternehmen kalkulieren ein Rebranding wie einen Anstrich: Logo, Website, Visitenkarten, fertig. Tatsächlich ist der sichtbare Teil — Logo, Startseite, das eine Kampagnenmotiv — vielleicht 20 Prozent dessen, was sich ändern muss. Die anderen 80 Prozent liegen unter Wasser: Vertriebsunterlagen, Angebotsvorlagen, E-Mail-Signaturen, Schulungsmaterial, interne Systeme, Vertrage, das Wording im Support, die Art, wie der Außendienst über die Firma spricht.

Eine Beobachtung aus über 130 begleiteten Markentransformationen: Die Umsetzung kostet typischerweise das Drei- bis Fünffache der eigentlichen Marken- und Designentwicklung. Wer das Budget falsch herum verteilt — viel für die schöne Strategie-PDF, wenig für den Rollout — bekommt fragmentierte Markenerlebnisse, die die Marke nicht stärken, sondern beschädigen.

Das ist auch der Grund, warum wir bei Sixrooms vor jedem Look über Touchpoints reden. Unspektakulär, ja. Aber es ist der Unterschied zwischen einer Marke, die lebt, und einem Brand-Book, das in einem Ordner verstaubt. Eine Marke, die nur im Brand-Book existiert, ist eine Marke, die scheitert.

die checkliste — sieben schritte, ehrlich gehalten

Ja, sieben Schritte — der Klassiker. Aber nicht in der üblichen Reihenfolge Analyse, Ziele, Design, Launch. Sondern so, wie es funktioniert, wenn man die obigen Fallen umgehen will.

01 — DIE EHRLICHE DIAGNOSE

erst das problem benennen, dann nichts anfassen

Ein Rebrand ist keine Lösung auf der Suche nach einem Problem. Die erste und härteste Aufgabe: brutal ehrlich beantworten, welches Geschäftsproblem hier eigentlich gelöst werden soll. Verlieren wir Marktanteile? Spricht uns die Zielgruppe von gestern an, während die von morgen woanders kauft? Sind wir nach drei Zukäufen ein Flickenteppich aus Sub-Marken? Oder ist uns schlicht das eigene Logo über die Jahre langweilig geworden?

Die letzte Variante ist die häufigste — und die einzige, die kein Rebranding rechtfertigt. „Interne Müdigkeit“ ist etwas anderes als externe Nachfrage. Wer aus Müdigkeit rebrandet, gestaltet für sich selbst, nicht für die Menschen, die er erreichen will.

02 — POSITION VOR PIXEL

festlegen, was die marke sagen soll — vor dem wie

Das ist der Schritt, den die 40 Prozent überspringen. Bevor irgendjemand eine Farbpalette öffnet, muss stehen, wofür die Marke künftig steht, für wen, und gegen wen. Positionierung ist kein Workshop-Geplänkel, sondern die Statik des ganzen Gebäudes. Ohne sie wird Design richtungslos: Es kann hübsch sein und trotzdem bedeutungslos.

Konkret heißt das: Zielgruppe, Tonalität, Markenversprechen und der eine Unterschied, der uns von der Konkurrenz trennt, gehören vor die Gestaltung. Erst wenn dieser Satz steht — und ihn jeder im Team aufsagen kann, ohne nachzudenken — darf gestaltet werden. Bei uns heißt dieser Grundsatz schlicht: Haltung zuerst, Handschrift danach.

03 — DAS NAVIGATIONSSYSTEM SCHÜTZEN

visuell und sprachlich neu denken — ohne zu löschen, was kunden brauchen

Jetzt, und erst jetzt, die kreative Phase: Logo, Farben, Typografie, Bildwelten, Tonfall. Aber mit einer eisernen Regel, die direkt aus dem Tropicana-Desaster kommt: Ändere niemals die Elemente, die deine Kunden zur Orientierung benutzen. Es gibt in jeder Marke ein, zwei Anker — eine Farbe, eine Form, ein Wort — an denen Menschen sie in Sekundenbruchteilen erkennen. Die fasst man nicht an, oder nur mit chirurgischer Vorsicht.

Erfolgreiche Relaunches haben fast immer dasselbe gemacht: vorhandenes Marken-Kapital bewahren und neuen Wert hinzufügen — nicht das eine gegen das andere tauschen. Und sie haben die Änderung an echten Kunden getestet, bevor sie alles umgestellt haben. Das klingt nach Selbstverständlichkeit. Die Misserfolgsquote sagt etwas anderes.

04 — DIE EIGENEN LEUTE ZUERST

internes alignment, bevor die öffentlichkeit etwas sieht

Der meistunterschätzte Schritt. Eine Marke wird nicht im Brand-Book lebendig, sondern in dem Moment, in dem die Empfangsdame, der Vertriebler und die Geschäftsführerin dieselbe Geschichte erzählen. Wenn das interne Team die neue Identität nicht versteht und nicht lebt, kann sie nach außen nicht glaubwürdig wirken — egal, wie gut das Logo ist.

Genau hier zerbrockelt der Rollout in der Praxis: Jeder findet das Rebranding wichtig, aber niemand fühlt sich voll verantwortlich. Die Lösung ist unglamourös: Workshops, klare Verantwortlichkeiten, ein realistisches Umsetzungsbudget — und jemand, dem die neue Marke gehört, auch nach dem Launch-Tag.

05 — DER AUFTRITT

die einführung inszenieren — als wendepunkt, nicht als logo-tausch

Ein Rebranding entfaltet seine Wirkung erst öffentlich. Aber die beste Inszenierung der Welt rettet keine leere Botschaft. Die Faustregel: Der Relaunch sollte einen Wandel im Unternehmen symbolisieren — nicht nur eine neue Verpackung. Ein Redesign muss aus den richtigen Gründen passieren und einen echten Übergang markieren, sonst ist es Kosmetik mit Pressetermin.

Pressemitteilung, Kampagne, Event, gezielte Online-Kommunikation — die Kanäle sind zweitrangig. Entscheidend ist die Antwort auf eine einzige Frage, die jeder Kunde stellt, bewusst oder nicht: „Und was ändert sich dadurch für mich?“ Wer darauf nur mit „wir sehen jetzt frischer aus“ antwortet, hat den Schritt davor übersprungen.

06 — KONSEQUENZ

durchziehen — über alle touchpoints, ohne ausnahme

Konsistenz ist nicht das Langweilige am Schluss. Sie ist die Markenleistung. Brand-Performance entsteht nicht durch ästhetische Qualität, sondern durch Konsistenz über die Zeit — über hunderte kleiner Entscheidungen, die sich im Moment gar nicht wie Markenentscheidungen anfühlen. Eine saubere Markenrichtlinie ist dafür Pflicht, aber sie ersetzt nicht die Disziplin, sie auch im fünften Monat noch anzuwenden, wenn der erste Enthusiasmus weg ist.

Und der größte Verräter ist die halbe Sache. Marken, die beim ersten Gegenwind zurückrudern, beweisen nur, dass die Strategie nie überzeugt war. Tropicana hat in unter acht Wochen kapituliert. Wer nicht überzeugt ist, sollte gar nicht erst anfangen.

07 — MESSEN, NICHT HOFFEN

erfolg an zahlen binden, die im geschäft ankommen

Nach dem Launch wird gemessen — und zwar nicht „gefällt es uns jetzt besser“, sondern an Kennzahlen, die mit dem Geschäft zu tun haben: Markenbekanntheit, qualifizierte Anfragen, Kundenbindung, Umsatz. Die einzigen Rebrandings, die wirklich gelingen, koppeln Markenmetriken an kommerzielle Ergebnisse. Alles andere ist Bauchgefühl mit Budget.

Ein gut dokumentiertes Beispiel zeigt die Größenordnung: eine vereinheitlichte Markenstrategie nach jahrelangem Sub-Marken-Wildwuchs brachte im ersten Jahr rund 20 Prozent mehr Markenbekanntheit und 15 Prozent mehr qualifizierte Anfragen. Das ist der Maßstab. Ein Rebrand ist kein Kunstprojekt — er ist ein Investment, und Investments haben eine Rendite oder einen Grund, warum nicht.

wie es richtig geht: burberry, vom hooligan-karo zur luxus-ikone

Damit das hier nicht nur eine Warnliste bleibt: Es geht. Ende der 1990er war Burberry ein britisches Trauerspiel. Das ikonische Karo war von Fälschern gekapert und mit der „Chav“-Kultur und Fußball-Hooligans verklebt; in manchen Pubs flog raus, wer es trug. Eine Marke, einst Synonym für britische Eleganz, stand kurz vor der Bedeutungslosigkeit.

Was die Wende brachte, war keine Logo-Politur. Es war eine Geschäftsentscheidung mit visuellen Konsequenzen — und genau in dieser Reihenfolge. Das Management nahm das Karo aus den massentauglichen Produkten heraus, machte es wieder selten und damit begehrlich, hob die Preise, setzte auf limitierte Kollektionen und Ikonen wie Kate Moss. Später kam der digitale Mut dazu: Burberry war die erste Luxusmarke, die ihre Schauen live streamte. Das Ergebnis war kein neues Logo, das nett aussah, sondern ein Unternehmen, das sich neu erfand — die Aktie legte in den 18 Monaten nach dem Relaunch um rund 40 Prozent zu.

Ein Rebrand ist kein Logo-Tausch. Es ist eine Unternehmenstransformation, visuell ausgedrückt. Erst ändert sich das Geschäft — dann folgt das Design.

woran sie merken, dass es zeit ist

Kein Rebranding aus Langeweile. Aber es gibt echte Signale, bei denen sich der Schritt lohnt — wenn mindestens eines davon ehrlich auf Sie zutrifft:

  • Die Marke passt nicht mehr zum Zeitgeist — und das sagen Kunden, nicht nur das eigene Team.
  • Die Unternehmensziele haben sich grundlegend verschoben (neue Märkte, neues Geschäftsmodell, Fusion).
  • Die Zielgruppe oder ihre Bedürfnisse haben sich verändert — Sie verkaufen an Menschen, die es vor fünf Jahren so nicht gab.
  • Das Image leidet unter Assoziationen, die Sie nie wollten (das „Burberry-Problem“).
  • Sie heben sich im Wettbewerb nicht mehr ab — alle in Ihrer Branche sehen austauschbar aus, Sie inklusive.

Fehlt jeder dieser Punkte und es kribbelt trotzdem? Dann brauchen Sie vermutlich keinen Rebrand, sondern einen Brand-Refresh — die kleinere, günstigere, risikoarme Schwester. Sauber durchgeführte Refreshs steigern das Engagement spürbar und kosten einen Bruchteil eines kompletten Rebrandings.

unser standpunkt, kurz und unbequem

Die halbe Branche verkauft Rebranding als Wellness fürs Logo. Wir nicht. Für uns ist ein Rebrand ein Eingriff am offenen Herzen einer Marke — und man macht so etwas nicht, weil der Sommer langweilig war, sondern weil es einen Grund gibt, den man in einem Satz aufschreiben kann. Haben Sie diesen Satz nicht, sparen Sie sich das Geld. Haben Sie ihn, dann machen wir ihn sichtbar — Position vor Pixel, Konzept vor Kosten, Substanz vor Schönheit. Und ja, am Ende sieht es auch verdammt gut aus.

Quellenverzeichnis

  1. Ad Age — Tropicana Line’s Sales Plunge 20% Post-Rebranding (Natalie Zmuda, 2009)
  2. Packaging Digest — Tropicana Redesign Failure, Take Two (Circana-Daten, 2024/25)
  3. CNN via AOL — Tropicana fans are ditching the brand after a bottle redesign
  4. Jacob Tyler — Why Rebrands Fail: The Strategy Most Companies Skip (~40% Failquote)
  5. Celerart — Rebranding vs. Brand Refresh (McKinsey-Lesart, 18-Monats-Marktanteil)
  6. Shilpa Freemantle — The Rebranding Myth (60% verfehlen ihre Ziele, 2024-Report)
  7. Charlie Xray — Why Rebrand Delivery Fails (Umsetzung statt Idee)
  8. Tenten Group — Why Rebrands Fail (Eisberg-Prinzip, 3–5x Umsetzungsbudget, 130+ Projekte)
  9. Designer Daily — Rebranding Case Study: Burberry, +40% Aktienkurs nach Relaunch
  10. Ottobix — Burberry Turnaround (Chav-Problem, Bravo-Ära, Repositionierung)

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